Grandioses Scheitern

 Mutter Mirja B. mit den Kindern Zoe und Nika

Von Dieter A. Graber

HANAU. Für Mirja und Joachim B. aus Großauheim ging ein Alptraum zu Ende: Der Versuch des Hanauer Ju­gendamtes, ihnen die Kinder Zoe und Nika wegzunehmen, ist gescheitert; grandios gescheitert, könnte man sa­gen, hat doch Familienrichter Michael Treviranus betont, dass eine fragwür­dige ärztliche Diagnose allein für eine derart folgenschwere Entscheidung nicht ausreiche.

Weil die Eltern (39 und 41) eine zweite ärztliche Meinung über die Behandlung ihrer Tochter Zoe, 13, ein­holen wollten, wandten sie sich im vergangenen Oktober ver­trauensvoll ans Universitätsklinikum Heidelberg. Als Zoe acht war, hatten ihre Ge­lenke zu schmerzen begonnen, immer in Schü­ben: Hän­de, Knie, Arme, Hüfte. Oft war sie müde, erschöpft, lethargisch. Die Di­agnose lautete schließlich Juve­nile idiopathische Arthritis. Kinder­rheu­ma. Eine schmerzhafte Autoim­mun­erkrankung ist das, die sie ver­mutlich von ihrer Mutter geerbt hat. Zoe ist ein tapferes Mädchen, das sich trotz elendig langer Aufenthalte in ver­schiedenen Kliniken, quälender Un­tersuchungen und schließlich sogar einer Operation, bei der ihr Teile der vom Rheuma zerfressenen Gelenk­kapsel am rechten Ellbogen entfernt wurden, seine Neugierde für das Le­ben bewahrt hat. Auch, als sie eine Weile auf den Rollstuhl angewiesen war.

Zoe wurde damals in der Mainzer Uniklinik behandelt. „Sie be­kam über längere Zeit starke Medi­kamente“, erinnert sich ihre Mutter. Das Krebsmittel Methotrexat zum Beispiel oder Azathioprin. Das ist ein sogenanntes Immunsuppressiva mit schweren Nebenwirkungen: Ver­ände­rungen des Blutbildes, Haaraus­fall, Gewichtsab­nahme, Fieber, Ge­lenk­schmerzen, Entzündung der Bauchspeicheldrüse.

Aber die Heidelberger Ärzte er­klärten das Mädchen kurzerhand für gesund und diagnostizierten stattdes­sen das Münchhausen-by-Proxy-Syn­drom (MbPS). Das nach dem Lü­gen­baron benannte Krank­heitsbild frei­lich ist unter Experten umstritten. Dabei lieferten angeblich Mütter ihre Kinder mit erfundenen Symptomen vorsätzlich einer Tortur medizinischer Behandlungen aus. Fa­tal: Die Unikli­nik informierte nicht nur alle Rheu­matologen, die das Mäd­chen bisher behandelt hatten, auch das Jugend­amt wurde in Kenntnis ge­setzt, das prompt eine „Kindeswohl­gefährdung“ unterstellte.

„Entziehung der elterlichen Sorge“ heißt es juris­tisch trocken in Para­graph 1666 BGB. Bis zuletzt hatte die Hanauer Behörde auf ihrem Antrag bestanden, den El­tern das Aufenthaltsbestimmungs­recht zu entziehen, und zwar für beide Kinder. Denn auch Zoes kleine Schwester Nika, 3, war wiederholt in Kliniken behandelt worden – wegen mehrerer Lungenentzündungen und Hautausschlag. Laut Richter Trevi­ranus jedoch könne die Heidelberger Diagnose bestenfalls eine Vermutung sein. Feststellen ließe sich MbPS näm­lich nur durch eine umfangreiche psy­chiatrische Begutachtung von Mutter und Kind. Der Richter gab damit zu erkennen, dass er sich mit der Mate­rie weitaus intensiver be­fasst hatte als die Antragsteller.

Vorwürfe gegen die Hanauer Behörde erhebt auch der Psychiatrierechtler Thomas Saschenbrecker aus Ettlin­gen: Sie habe sich „nicht einmal über die genaue Symptomatik des Münch­hausen-by-Proxy-Syn­droms und über die Grunderkrankun­gen der Kinder informiert“ und es zu­dem unterlas­sen, „die Argumente der Eltern zu prüfen und sich mit diesen auseinan­derzusetzen“, kritisierte er in einem Schreiben an Oberbürgermeis­ter Claus Kaminsky.

Für Volker Laubert von der „Aktion Rechte für Kinder“ im schwäbischen Kirchheim unter Teck ist die Ent­scheidung des Hanauer Familienge­richts mutig und wegweisend: „Wir betreuen zahlreiche Eltern in ganz Deutschland, denen Behörden wegen angeblichem MbPS die Kinder weg­genommen haben. Diese Diagnose wird immer dann gestellt, wenn Ärzte nicht mehr weiter wissen oder kriti­sche Eltern mundtot machen wollen.“

Familienrechtlerin Anja Hrabowski aus Mutterstadt, die Mirja und Joa­chim B. vor Gericht vertrat, bezeich­net das Ver­halten der Uniklinik „an der Grenze zum Rufmord“. Es sei „unfassbar, wie Eltern durch eine ein­zelne, lediglich von einer Diplom-Psy­chologin in ei­nem Arztbrief geäußerte Meinung ei­ner regelrechten Hexen­verfolgung ausgesetzt“ würden. So hatten an­dere Mediziner vor dem Hintergrund der verhängnisvollen „Diagnose“ eine Behandlung Zoes glatt abgelehnt oder weitere Medi­kamente verweigert, wodurch sich ihr Gesundheitszustand verschlechterte. Möglicherweise, so Anwältin Hra­bowski, seien dadurch Straftatbe­stände wie Verleumdung und Körper­verletzung erfüllt. Mirja B. berichtet zudem davon, dass Eltern von Zoes Freundinnen ihre Tochter „zum Kin­dergeburtstag wieder ausluden, nachdem sie von dem Befund erfah­ren hatten. Es war eine Demütigung für uns!“

In einer allgemein gehaltenen Stel­lungnahme spricht die Heidelberger Uniklinik freilich nur von einem „Ver­dacht“: Ein „interdiszipli­näres Team zu Kinder­schutzfragen“ bespreche re­gelmäßig „die im Klini­kum anfallen­den Fälle in Fallkonfe­renzen“. Tat­sächlich aber taucht im Arztbrief des Zentrums für Kinder- und Jugendme­dizin vom 22. Oktober 2014, der unserer Redaktion vor­liegt, MbPS ein­deutig als „Diagnose“ auf.

Mirja und Joachim B. wollen eine Schadenersatzklage anstrengen.