Die Trinkfesten und der Wehrmachtsdolch

Von Dieter A. Graber

Vitalij B. ist blass. Falten zwischen Haaransatz und Nasenwurzel erwecken den Eindruck permanenten Stirnrunzelns. Die dunklen Haare sind mit Gel am Schädel festgeklebt, an der Seite geschoren. Vitalij kam vor 44 Jahren in Omsk, einer sibirischen Industriemetropole, zur Welt und Ende der Neunziger in die Bundesrepublik. Inzwischen ist er deutscher Staatsbürger. Hier hat er auch geheiratet, die Lioba. Sie brachte am Tag vor der Tat, also am 4. Oktober, ein Mädchen zur Welt. Das dritte der Familie. Vitalij war aus dem Häuschen vor Glück. Vitalij lud seine Freunde zum Feiern ein. Zu ihnen gehörten Viktor M. (40) und Maxim S. (47). Zumindest der Erste war oft bei Vitalij. Man traf sich vor dem Haus in der Quellenstraße zu einem Schwatz oder im Garten seines Schwiegervaters oder auch in der Garage von Viktor. Russen halten zusammen, selbst wenn auf ihrem Pass längst der Bundesadler prangt. Wegen der gemeinsamen Kultur, Sprache, Heimat. Vielleicht ist es das, was man die russische Seele nennt...

Der Ablauf jener Nacht lässt sich ziemlich genau, ja fast minutiös rekonstruieren. Nachbarn wie Herr L. oder Frau A., die im Haus nebenan wohnt, haben einiges gehört, wenig aber gesehen. „Da war Krach“, erinnert sich die Zeugin, gegen ein Uhr zunächst, nein, Streit noch nicht, der kam anschließend: „Einer rannte die Treppe hoch, wieder runter. Dann lautes Gerede, ein Schrei …“ Ein langgezogenes „Aaaah!“ soll es gewesen sein; um 2.45 Uhr im Treppenhaus eine Diskussion, lautstark, eine halbe Stunde später „eine brüllende russische Stimme“. 

Herr L. vom ersten Stock erblickte  aus seinem Küchenfenster zwei Männer im diffusen Licht der Straßenbeleuchtung. „Sie diskutierten. Die Gesichter konnte ich aber nicht erkennen.“  Kurz darauf findet Vitalijs Schwiegervater die Leiche seines besten Freundes. Ein  Stich mit einem Dolch in den linken Unterbauch hatte eine Vene verletzt, 3,5 Liter Blut waren in das Abdomen gelaufen.

Staatsanwalt Mathias Pleuser hat das Tatwerkzeug aus der Asservatenkammer mitgebracht. Es handelt sich um eine sogenannte Seitenwaffe für Wehrmachts-Ordonanzen, bis 1945 Teil der Ausgehuniform von Offizieren, beidseitig geschliffen. Auf der Klinge trägt sie das Hakenkreuz.  Vitalij B. hat sie angeblich bei einer Haushaltsauflösung in einem Keller gefunden. Sie soll sehr wertvoll sein. Von bis zu 10000 Euro ist die Rede, aber das mag einer überbordenden Phantasie der Beteiligten geschuldet sein. Vitalij B. hatte seinen Freund Viktor gebeten, das militärische Sammlerstück mit ihm gemeinsam schätzen zu lassen. Darüber, wer von beiden es zuletzt in Besitz hatte, gibt es unterschiedliche Angaben.

Angeklagt des Totschlags ist Vitalij B., unterlassene Hilfeleistung wird Maxim S. vorgeworfen. Die Polizei traf beide im Morgengrauen in der Erdgeschosswohnung hinter dem Parkplatz an, Vitalij B. mit Blutflecken an der Jogginghose und 2,5 Promille Alkohol im Blut, der andere schlafend auf der Couch. Im Zeugenstand bringt Kommissarin G. ihre Verwunderung zum Ausdruck: „Die beiden passten überhaupt nicht zusammen …“

Das tun sie auch auf der Anklagebank nicht, der farblose, verschwiemelte Vitalij und der hoch aufgeschossene Maxim, der ein wenig an George Clooney erinnert mit seinem angegrauten, vollen Haar, dem gebräunten Teint, den dunklen Augen und dem gelegentlichen lässigen, irgendwie arroganten Lächeln. Sie machen keine Angaben. Sie haben gute Anwälte: Heinz-Jürgen Borowsky  aus Frankfurt, Volker Augst aus Freigericht, Christian Loghman-Adham aus Offenbach. Ein Indizienprozess also.

Der Auftritt von Natalie M. im Zeugenstand gerät zur Manifestation lodernder Wut und unversöhnlichen Hasses. Sie ist eine mollige Frau, sehr blond, sehr zornig, sehr verzweifelt. „Mein Viktor und ich, wir hatten eine große Liebe füreinander“, sagt sie schluchzend. Der Tag, als er starb, hat sich in allen Einzelheiten ihrem Gedächtnis eingebrannt – die gemütliche Familienfeier, von der er abends noch mal zu seinen Freunden aufbrach, um Vitalijs neuen Nachwuchs zu begießen … Apropos: Ja, russische Männer, sagt sie, könnten einiges vertragen. Wodka in großen Mengen. Ja,  auch „Gras“ hätten sie geraucht, die beiden Vitalijs und ihr Viktor. Regelmäßig. Aber Streit? Nein, niemals! Und deshalb vermutet sie etwas abgrundtief Böses hinter der Tat, die kein Unglück gewesen sein könne, keine schicksalhafte Verstrickung im Suff, sondern ein Mord sein müsse: „Ich verfluche deine Kinder bis zu meinem Tod!“, schleudert sie dem Angeklagten an den Kopf.

Vitalij hatte die Perestroika im heimatlichen Omsk nicht gut getan: Arbeitslosigkeit, Alkohol, Opium, dann drei Jahre Gefängnis wegen eines Diebstahls – russisches Gefängnis, wohlgemerkt –, schließlich ab nach Deutschland. Das war vor 16 Jahren. Er hat dann malocht – erst in einer Marmeladenfabrik, dann in der Kunststoffverarbeitung, bei einer Spedition, schließlich als Dachdecker. Und dann, in den frühen Morgenstunden des 5. Oktober 2014, gegen 1.30 Uhr, ersticht er den Viktor vor seiner Haustür in Gelnhausen-Roth, und zwar mit jener Waffe, die den beiden Freunden so wichtig geworden war. Wichtiger als … – ja, es gab schon einmal einen Vorfall, da hat der Viktor, ziemlich betrunken, die Lioba angebaggert. Wollte Sex mit ihr. Im Auto passierte das, und Vitalij war sauer. Nicht wegen dem Sex, sondern weil Lioba doch am Steuer saß und weiß Gott was hätte passieren können. Nein, so etwas vermochte diese Männerfreundschaft nicht zu beschädigen!

Am zweiten Verhandlungstag legt Vitalij, der bisher geschwiegen hat, ein Geständnis ab. Das Fragment eines Geständnisses, könnte man sagen, denn er erinnert sich nur noch an Bruchstücke. Dass er Streit hatte mit Viktor wegen es Dolches. Es habe ein Gerangel gegeben. Vitalij trug selbst eine Stichverletzung am Oberschenkel davon, Viktor erwischtes es im linken Unterbauch. Der Angeklagte lässt über seinen Verteidiger, den Strafrechtler Hans-Jürgen Borowsky aus Frankfurt, sagen: „Ich bin verantwortlich für diese Tat. Es war keine Notwehr!“

Es gäbe noch so manches aufzuklären. Eine dilettantische Vernehmung durch die Polizei in Gelnhausen am frühen Abend des Tattages zum Beispiel, für die sich nun Hauptkommissarin Diana K. im Zeugenstand rechtfertigen muss. Da hatten sie Vitalij, der offenbar immer noch unter Alkoholeinfluss stand, ohne einen Dolmetscher befragt und dann ein Protokoll hingeschludert. Oder die Rolle von Vitalijs Schwiegervater, der kurz nach dem tödlichen Stich am Tatort erschien und den Rettungswagen rief, heute aber keine Aussage mehr machen will. Und wer warf den Dolch in ein Gebüsch, wo er später gefunden wurde, keine fünf Minuten zu Fuß vom Tatort entfernt?

Der renommierte forensische Psychiater Ansgar Klimke spricht in seinem Gutachten von „verminderter Steuerungsfähigkeit“ infolge Alkohol und Amphetaminen, eines tückischen Cocktails also, der zu jenem „Ausnahmeereignis“ geführt habe. Es ist eine umfassende medizinische Erklärung. Aber es bleibt etwas Unfassbares am Ende dieser Geschichte, weil, wie Staatsanwalt Mathias Pleuser sagt, „zwei Familien zerstört sind – die des Opfers und die des Täters, der seine kleine Tochter auf Jahre hinaus nicht wird sehen können“.

Am Schluss findet Vitalij doch noch Worte der Entschuldigung. „Es tut mir leid.“ Es klingt, als verstehe er das alles am allerwenigsten.

Die Schwurgerichtskammer verurteilt ihn  zu sechs Jahren Freiheitsstrafe; das Verfahren gegen Maxim S. wegen unterlassener Hilfeleistung wird auf Kosten der Staatskasse eingestellt.