Das Kerlchen und die große Schwester

Von Dieter A. Graber

MAIN-KINZIG. Marco war dreizehn, als er in eine böse Geschichte hineingeriet. Eigentlich war es ja die Schuld seines Freundes Johnny, der ihn damals zu dem Drogenhändler David mitgeschleppt hatte. Heute treffen sich die beiden vor den Schranken des Gelnhäuser Schöffengerichts wieder, der Marco und der David, der eine als Zeuge, der andere auf der Anklagebank.

David ist ein schmales Kerlchen mit kurzem Blondhaar, an den Seiten geschoren, oben ein wenig länger. Obwohl erst sechsundzwanzig, ist seine Zukunft eigentlich schon Vergangenheit: Schule abgebrochen, kein Beruf, mehrere Vorstrafen, Hartz IV. Er entstammt einer Schaustellerfamilie. Er ist Analphabet, und seine Hauptbeschäftigung besteht darin, Sozialstunden wegen älterer Verurteilungen abzureißen. Es sind so viele, dass es ihm in den nächsten Monaten nicht langweilig werden dürfte. Aber heute geht es um mehr. Um ein Verbrechen geht es: „Mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr wird bestraft, wer … Betäubungsmittel unerlaubt an eine Person unter 18 Jahren abgibt“, heißt es in Paragraph 29a BtMG. Dass David außerdem mit einem auf 99 Kilometer die Stunde aufgemotzten „Firefox“-Motorroller, für den er keine Fahrerlaubnis besaß, erwischt wurde, den Polizisten einen „Stinkefinger“ zeigte und erst nach einer wüsten Verfolgungsfahrt im Wald bei Gelnhausen festgenommen werden konnte, wirkt dagegen fast wie ein Lausbubenstreich.

David macht keine Angaben. Er trägt künstlich verschlissene Jeans, einen schwarzen Kapuzenpulli und eine trotzige Miene zur Schau. Nur so viel bringt er mürrisch heraus: „Ich kenne den Jungen gar nicht.“

Der Junge, also Marco, tritt in den Zeugenstand. Er ist inzwischen vierzehn. Saubere Sportschuhe, ordentliche Jeans, Pullover – er sieht aus, als habe ihn seine Mutter, die hinten sitzt im Saal, heute Morgen zurecht gemacht für seinen Auftritt. Sie ist eine kräftige Frau, blond, Pferdeschwanz, sorgenvoller Blick. Es sind beileibe nicht die schlechtesten Familien, denen so etwas passiert. „Stimmt. Ich habe Marihuana bei ihm gekauft. Für 50 Euro“, sagt Marco kleinlaut. Zehn Euro das Gramm. Vom Taschengeld. Sie gingen dann gemeinsam in die Bad Orber Innenstadt, auch der David war dabei, und rauchten von dem Zeug. Direkt gegenüber der Polizeistation. Man könnte es jugendliche Unbekümmertheit nennen.

Marco hat eine Schwester, die Anna. Sie ist zwanzig und eine resolute junge Frau. Als sie von dem Drogenabenteuer ihres kleinen Bruders erfuhr, machte sie sich empört auf den Weg zu David, um ihn zur Rede zu stellen. Was ihm einfalle, einem Kind Rauschmittel zu verkaufen. Das war mutig und vielleicht auch ein bisschen gefährlich, denn David befand sich nicht allein zu Hause. Andy, auch so ein Strolch, der dem lieben Gott die Zeit stiehlt, tat sich an der Wohnungstür gleich mal wichtig: „Er drohte mir Prügel an, brüstete sich damit, auch Frauen zu schlagen und warnte, er würde sich meinen Bruder vorknöpfen, wenn ich etwas davon weitererzähle“, erinnert sich Anna im Zeugenstand. Sie hat sich aber nicht einschüchtern lassen. Sie ging schnurstracks zur Polizei und erstattete Anzeige. Und deshalb sitzt der David jetzt in Saal 11 des Gerichtsgebäudes, wo der Hanauer Staatsanwalt Hubertus Pfeifer zwei Jahre auf Bewährung für ihn fordert.

David schaut ungerührt drein. Es ist diese brigantenhafte Uneinsichtigkeit, die es einem so schwer macht, ihn für einen halbwegs anständigen Kerl zu halten. Auch Oberkommissar Michael G., der eine Durchsuchung der kleinen Bude von David vorgenommen hatte – gefunden wurden Cannabissetzlinge und -samen –, erinnert sich an feindselige Worte und Gesten: „Er drohte uns mit einem ,Nachspiel‘. Außerdem könnten wir ihm sowieso nichts. Und als wir dann gingen, zeigte er uns den ausgestreckten Mittelfinger.“ Dieses Zeichen mag zur speziellen Semantik dieses Angeklagten gehören, ein Ausdruck von Herablassung, Wut und Sprachlosigkeit. Sein Verteidiger, der Strafrechtler Klaus Wetzel aus Bad Orb, spricht von „eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten“ seines Mandanten und bittet um eine milde Strafe.

Richterin Petra Ockert verkündet das Urteil: Ein Jahr und neun Monate, auf Bewährung, versteht sich. Außerdem sind weitere 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit fällig. David nimmt die Strafe an. Marco will künftig die Finger von Drogen aller Art lassen. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, weil er ja noch nicht strafmündig war. Johnny, der ihn damals überhaupt erst auf den schiefen Weg gebracht hat, ist übrigens nicht mehr sein Freund. Und das ist gut so.