Vulkan in Nietenhosen

Von Dieter A. Graber

MAIN-KINZIG. Wie eine giftige Wolke wabert der Hass durch Saal 11 des Gelnhäuser Amtsgerichts, so dick, dass man ihn in Scheiben schneiden könnte. Es ist die Geschichte einer erloschenen Liebe, die heute hier verhandelt wird, einer Liebe, die sich klammheimlich in Bosheit verwandelte, in Niedertracht und abgrundtiefe Gemeinheit.

Marcel soll seine Frau Margareta misshandelt haben. Er soll ihr von hinten die Arme verdreht und sie ins Gesicht geschlagen haben, dass sie mit dem Kopf gegen die Wand knallte und ei¬nen Trommelfellriss erlitt. Es passierte in der gemeinsamen Wohnung, zu einer Zeit, da es bereits nur noch Vorwürfe gab und Drohungen und Tränen. Es war vor einem Jahr. Körperverletzung also wirft ihm die Hanauer Oberamtsanwältin Birgit Seifert-Schmid vor.

Der Angeklagte ist ein Mann von 45 Jahren; einer von der unscheinbaren Sorte. Sein Haar ist dünn und grau und über den Schläfen bereits auf dem Rückzug, seine Stimme müde, seine Kleidung nachlässig, aber sauber. Er hat zwei schulpflichtige Kinder mit Margareta, einen technischen Be¬ruf und verdient ganz ordentlich. Er zahlt für die beiden. Er hängt an ihnen. Vieles spricht dafür, dass er ein guter Vater ist. Zwölf Jahre währte die Ehe mit Margareta. Sie stammt aus Kroatien. Sein Verteidiger, der Strafrechtler Steffen Heß aus Gelnhausen, sagt: „Wenn diese Frau unter Dampf steht, lässt sie sich nicht zurückhalten.“ Das klingt wie eine Warnung ans Gericht.

Und dann kommt Margareta. Groß, schlank, 41, braune, kniehohe Stiefel über schwarzen Jeans, das schwarze Haar streng zurückgebürstet. Sie betritt den Saal, ach was, sie ergreift Besitz von ihm. Wenn jemals Augen gefunkelt haben, dann diese. Ein Vulkan in Nietenhosen. Sich an den Zeugentisch setzend, wirft sie dem Angeklagten einen Blick zu, der ihm eigentlich beim Rücken wieder herauskommen müsste. Margareta holt tief Luft.

„An diesem Tag hatte er mich gebeten, Blumen zu besorgen. Für seine Mutter, zum Muttertag! Eine Frech-heit. Wo er doch weiß, dass ich mit ihr Streit habe!“ Es ging dann um das Wechselgeld auf fünfzig Euro. Sie wollte es nicht rausrücken. Es folgten: eine gegenseitige Schuldenaufrechnung, Gebrüll, eine Rangelei. Sie haute ihm den Blumenstrauß um die Ohren. „In der Küche griff sie sich ein Messer und ging damit auf mich los“, ergänzt er triumphierend. Dann die Ohrfeige. Ja, die gibt er zu. „Aber nur eine einzige und im Affekt“, beteuert er kleinlaut. Es tue ihm ja leid … Höhnisch mischt sie sich ein: „Er hatte den ganzen Tag getrunken, was er am Wochenende immer tut.“ Aber er habe sich doch entschuldigt, sagt er. Sie lacht höhnisch auf. „Sie hat mich oft geschlagen“, gibt er zurück. Und setzt nach: „Auch auf unsere Tochter ist sie schon losgegangen …“

So geht es hin und her wie beim Ping Pong. Es ist die Aufarbeitung einer Ehe, in der sich jeder Respekt verflüchtigt hat. Einmal warf sie mit einer Sektflasche nach ihm. Das steht in einem Polizeiprotokoll. Er habe ihr, heißt es an anderer Stelle, mal die Kehle zugedrückt. „Dieser Mann ist skrupellos“, stellt sie fest. Und eifersüchtig. „Er hat einen Baseballschläger zu Hause. Er bedrohte einen Freund von mir …“ Die Worte kommen so schnell aus ihrem Mund, als habe sie noch viele davon und zu wenig Zeit. Bisweilen überschlägt sich ihre Stimme, hart an der Grenze zum Schluchzen. Sie wippt nervös mit den Füßen.

Aber dann hatten sie doch wieder Urlaub gemacht, in Kroatien, mit einer Familienfeier im Fischrestaurant. Vergangenen Sommer war das. „Ha, er wollte nur, dass ich die Anzeige zurückziehe“, zischt sie. Er lässt sich zu einem höhnischen Feixen herab. „Lach nicht!“ schleudert sie ihm entgegen. „Das ist meine Heimat. Meine! Du bist mir nachgeflogen …“ Als sei es besonders verwerflich, den Boden ihres Vaterlandes mit seiner Anwesenheit zu entweihen …
Inzwischen leben Marcel und Margareta getrennt. Anwalt Heß meint, die Geschichte gehöre vors Familiengericht – wo sie ja auch schon rauf und runter verhandelt wird; ums Sorgerecht geht es da –, „aber hier haben wir nicht die klassische Situation, wo ein Mann seine wehrlose Frau verprügelt!“ Er will eine Einstellung. Amtsrichterin Petra Ockert findet Schläge ins Gesicht besonders verwerflich. Wegen der Demütigung. Anwalt Heß bietet ein „Schmerzensgeld“ an. 1200 Euro. In Raten. Die Richterin und die Amtsanwältin sind einverstanden. Die Sache ist damit vom Tisch.

Einer Studie zufolge gehen vor Trennungen in jedem vierten Fall die Handgreiflichkeiten von Männern aus, zu 58 Prozent jedoch von Frauen. In 17 Prozent der Fälle sind beide für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. Während Männer meist zuschlagen, greifen Frauen häufiger zu Gegenständen wie Messern oder schütten ihm heißen Kaffee ins Gesicht. Es ist eine traurige Studie. Aber vielleicht ist großer Hass nur möglich, wo vorher einmal große Liebe war.