Vergewaltigung? Gericht glaubt Frau

MAIN-KINZIG. Vor Gericht berichtete Anna D., 39, die auch als Nebenklägerin auftrat, sie habe am Abend zuvor mit ihrem Mann eine Familienfeier besucht. Nach der Rückkehr in das gemeinsame Haus sei es dann passiert: „Er wurde vulgär, richtig aggressiv. Ich kannte das von ihm, wenn er getrunken hatte.“ Er habe die Badezimmertür eingetreten, sie aufs Bett gezerrt, sich auf sie gekniet und ihr ein Kissen ins Gesicht gedrückt. „Ich schrie, wehrte mich – keine Chance.“ Todesangst habe sie gehabt, als sie keine Luft mehr bekam. Eindrücklich schilderte sie im Zeugenstand ihren Kampf ums Überleben. Das Gericht wertete dies als „besonders schweren Fall“, für den Paragraph 177 StGB eine Mindeststrafe von drei Jahren vorsieht – wenn „der Täter … das Opfer durch die Tat in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung bringt“. Allerdings wurde dem Angeklagten eine verminderte Schuldfähigkeit zugutegehalten, weil er damals erheblich unter Alkoholeinfluss stand.

Vermutlich wäre es nie zur Anzeige gekommen, hätte Roland D. nach der Trennung keinen Rosenkrieg vom Zaun gebrochen. Er lauerte seiner Ex auf, bedrohte sie und ihren neuen Partner, terrorisierte sie mit Anrufen und demolierte ihr Auto.  Wiederholt musste sie die Polizei um Hilfe bitten. Bei einem dieser Anlässe offenbarte sie sich den Beamten.

Vor Gericht leugnete Roland D. die Vergewaltigung, räumte aber einen Streit ein, bei dem es um Geld gegangen sei. „Kann schon sein, dass ich sie dann mit der Hand im Gesicht berührte oder ihr den Mund zuhielt, damit sie endlich aufhörte zu schreien.“ Im Übrigen sei ihm seine sportliche Frau körperlich überlegen gewesen. Sowohl Roland D. als auch die Nebenklägerin haben Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Einer 2014 erschienenen Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zufolge wurden in Deutschland noch vor zwanzig Jahren knapp 22 Prozent der wegen Vergewaltigung angezeigten Männer verurteilt, im Jahr 2012 waren es nur noch etwas mehr als acht Prozent. Laut KFN würden viele Staatsanwaltschaften und Gerichte nämlich den Paragraphen 177 „enger“ auslegen. Grund: 2006 hatte der GBH eine Verurteilung wegen Vergewaltigung aufgehoben mit der Begründung, dass „der Angeklagte der Nebenklägerin die Kleidung vom Körper gerissen und gegen deren ausdrücklich erklärten Willen den Geschlechtsverkehr durchgeführt hat“, belege „nicht die Nötigung des Opfers durch Gewalt. Das Herunterreißen der Kleidung allein reicht zur Tatbestandserfüllung nicht aus“.