Der Schicksalstag des Rentners Heinrich E.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es war ein Tag im vergangenen Februar, einer dieser Tage, an denen das Schicksal seine Grausamkeit auf die Spitze zu treiben beliebt, gerade so, als wolle es einen obendrein auch noch verhöhnen in der Stunde größten Kummers. Es war der Tag, an dem Herr E. erfuhr, dass seine Lebensgefährtin nur noch ein paar Wochen würde zu leben haben.

„An diesem Tag“, sagt Herr E., „war ich zu keinem klaren Gedanken mehr fähig.“ Er ist ein schmächtiger Mann von 68 Jahren, das Resthaar kurz, schütter, angegraut, die Augen schmerzerfüllt. Für diese Verhandlung hat er sich schick gemacht: graues Jackett, darunter ein blaues Hemd, verwaschene Jeans. Vor ein paar Tagen trug er jene Frau zu Grabe, mit der er die fünfzehn besten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Dass dies unabwendbar sein werde, war ihm am 2. Februar mitgeteilt worden, ihm und dem Bruder seiner todkranken Lebensgefährtin. Der hatte, aufgeregt und auch ein wenig angetrunken, prompt einen Auffahrunfall in Großauheim verursacht, ein bisschen Blechschaden halt, aber mit Alkohol im Blut.

In Saal 19 des Hanauer Amtsgerichts schildert Herr E. jetzt sein Verhängnis: „Er rief mich an und bat mich, zur Unfallstelle zu kommen, um sein Auto zur Seite zu fahren. Es war ja nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt.“ Herr E. zögerte nicht. Er setzte sich in seinen kleinen Hyundai und fuhr los. Die Polizei war schon da. „Die rochen sofort, dass auch ich was getrunken hatte. Ich sollte pusten. Ich dachte noch: Na ja, viel kann es ja nicht sein …“, erinnert er sich. Es waren 1,09 Promille. Wäre die Geschichte nicht so tragisch, man könnte glatt darüber schmunzeln. Ein Strafbefehl über 1600 Euro und ein zehnmonatiger Entzug der Fahrerlaubnis war die Quittung. Herr E. hat Einspruch dagegen eingelegt. Nicht, dass er sich im Recht gefühlt hätte, dass er uneinsichtig gewesen wäre. Nein, er besitzt einfach das Geld nicht.

Das Leben von Heinrich E. gleicht einer Achterbahnfahrt. Selbstständig war er mal als Wirtschaftspsychologe, da arbeitete er für große Firmen, vorwiegend im Ausland: London, die Schweiz, Afrika. Immer unterwegs. Viel Geld wird er da verdient haben. Doch das Glück konnte er sich nicht kaufen, starb ihm doch die erste Frau im Kindbett weg, die zweite ließ sich scheiden. „Vielleicht weil ich die Familie zu sehr vernachlässigt habe“, resümiert er. Und dann war auch noch das Haus futsch und schließlich der Job, und Herr E. musste sich am Ende als Arbeiter durchschlagen. Und wie das so geht: In die Rentenkasse hat er nicht viel einbezahlt. An der Seite einer neuen Lebensgefährtin fand er dann das kleine Glück, ein bescheidenes Dasein mit Schrebergarten und gemeinsamer Wohnung, da kamen sie mit ihrem Verdienst bei einem Versandhaus und seiner kleinen Rente von 824 Euro gerade so hin. Und dann die furchtbare Diagnose: Krebs im Endstadium. An jenem Nachmittag hatte Heinrich E. Bier und Rotwein getrunken. Um den Schmerz zu betäuben. Um nicht weiter grübeln zu müssen, an die Zukunft zu denken, an ein Leben allein. An den Tod. Dann der Anruf ihres Bruders.

Heute hat er den Hanauer Strafrechtler Clemens H. Bergmann an seiner Seite. Er ist mehr als ein Anwalt. Vielleicht ein Freund. Er war mit auf der Beerdigung. Er plädiert jetzt für ein milderes Strafmaß. Weil es doch nur eine Dummheit gewesen sei, begangen in einer verzweifelten Situation. Das sieht auch Amtsrichterin Schlachter so. Sie verurteilt den Angeklagten zu 30 Tagessätzen von jeweils 15 Euro und reduziert die Sperre auf noch sieben Monate. Eine Strafe am untersten Rand. Heinrich E. lebt jetzt allein in der Wohnung, die er mit seiner Lebensgefährtin so viele Jahre geteilt hatte. Die Miete beträgt 400 Euro. Wenn er die Strafe in Raten abzahlt, bleiben ihm ein paar Hundert Euro zum Leben. Ein einsames, karges Leben. Traurig, nicht wahr?