Alter Schmuggler

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr M. ist ein Mann von 76 Jahren mit grauem, dünnem, weißem Haar, das sich am Hinterkopf gelich­tet hat, quicklebendigen Äugelein und einer winzigen Rente: 565 Euro kriegt er im Monat und noch ein biss­chen oben drauf vom Amt; damit kann einer keine großen Sprünge ma­chen, wenn allein für die Miete schon 355 Euro abgehen. Diese Ausgabe kann er sich jetzt aber erst mal spa­ren, denn Herr M., der mit Vornamen Giuseppe heißt, muss für fünf Jahre und zwei Monate ins Gefängnis.

1960 kam der Giuseppe nach Deutschland, ein junger Gastarbeiter aus Bari in Apulien, gelernter Maurer, Sohn eines Eisenbahners. Apulien, das ist die einst bettelarme Region im Südosten des Stiefels, wo noch heute in schnuckeligen Fischerdörfern die Wäsche zum Trocknen über der Gasse hängt, durch die der Wind den Geruch von gegrilltem Fisch weht und die Sacra Corona Unita regiert, die Heilige Vereinigte Krone, wie sich die dortige Mafia nennt. Hier gehört der Schmuggel zur kulturellen Identität: Zigaretten, Marihuana, Waffen – und neuerdings auch Menschen. Das muss man wissen, um Giuseppe ge­recht werden zu können.

Vielleicht hätte gleichwohl eine bür­gerliche Erfolgsgeschichte daraus werden können. Zunächst sah es je­denfalls so aus: Giuseppe heiratet eine Deutsche, wird selbst einer, dazu Vater von zwei Töchtern, später auch Großvater, lernt die Sprache in Schrift und Wort. Doch nun sitzt er in Saal 215 des Landgerichts, ein kleiner Mann, so klein, dass sein Kopf gerade eben über die Brüstung der Anklagebank ragt, mit dem Gesicht eines jener freundli­chen Opas, die man in Grünanla­gen beobachten kann, wo sie ihren Kindeskindern beim Spielen zu­schauen. In seiner Wohnung fand die Polizei ein Kilo fast reines Kokain.

Der Angeklagte sagt: „Ich habe es nur aufbewahrt. Dafür sollte ich 1000 Euro bekommen. Ich brauchte das Geld.“ Den Vorwurf, ein Drogen­händler zu sein, weist er entschieden zurück. „Ich habe immer nur ge­schmuggelt, nie verkauft!“ Vermut­lich ist das sogar die Wahrheit, zu­mindest legt es sein Vorstrafenregis­ter nahe. Immer wieder haben sie ihn erwischt. Zum Beispiel am Frankfurter Flughafen, wo er 343 Gramm Kokain in den Socken aus Bangkok herein­schmuggeln wollte. In Madrid kriegte er sechs Jahre für Drogenbesitz, die er voll verbüßen musste, in Frankreich fünf, auch in Italien wurde er verur­teilt. Ein Leben wie ein zerfledderter Groschenroman; jetzt ist Giuseppe auf den letzten Seiten angekommen und noch immer gibt’s kein Happy End.

Aber wie wurde aus dem fleißigen Gastarbeiter der Wirtschaftswunder­zeit ein – zugegeben: sympathischer – Bösewicht? „Seit ich meinen Job ver­lor“, berichtet er, „habe ich nicht mehr gearbeitet.“ Das war vor 33 Jahren. Damals gehörte er zum Bo­denpersonal einer US-Fluggesell­schaft auf Rhein-Main. Sie haben ihn gefeuert. „Unberechtigterweise“, be­teuert er. Vielleicht ein Missver­ständnis. Jedenfalls eine dubiose Ge­schichte um Autopapiere. Er hat sich dann, neben dem Drogenschmuggel, auch als Geld- und Urkundenfälscher sowie als Hehler versucht. Findet sich alles in Schriftstücken, die Aktenzei­chen tragen und mit den Worten: „Im Namen des Volkes …“ beginnen. Rich­ter Peter Graßmück liest daraus vor.

Es gibt in der Straße, wo Giuseppe wohnte (und noch immer offiziell gemeldet ist), eine Sportsbar, die auch Rolf D. gut kennt. Dienstlich. Herr D. ist Kriminalhauptkommissar und einer der erfolgreichsten Ha­nauer Drogenfahnder. Hier lernte Giuseppe den Nicola kennen. Der habe ihn gebeten, den Stoff andern­tags auf dem Parkplatz eines Discoun­ters im Lamboy, unweit seiner Woh­nung, zwei Albanern zu übergeben. Leicht verdientes Geld. Nicola P. hat ihn aber verpfiffen.

Das ist jetzt freilich ein logischer Bruch in der Geschichte. Staatsanwalt Mathias Pleuser formuliert es so: „Das Kokain war, noch ungestreckt, über 100000 Euro wert. Warum sollte einer so viel investieren, nur um ei­nen kleinen Schmuggler ans Messer zu liefern?“ Verteidiger Michael Simon argumentiert: „Mein Mandant ver­fügte gar nicht über die Mittel, um ein derart großes Drogengeschäft zu finanzieren.“ Kommissar D. gibt zu bedenken: „Vielleicht auf Kommissi­onsbasis …“ Er hatte den Stoff bei ei­ner Hausdurchsuchung auf Giuseppes Kleiderschrank gefunden.

Es tritt als Zeuge auf: Nicola P., ein Koch. Wenn es stimmt, dass nur schlechte Köche dick sind, möchten wir nie bei Nicola P. essen. Seine Lei­besfülle ist beeindruckend. Sein Beitrag zur Wahrheitsfindung hingegen nicht. Er verweigert die Aussage, um sich nicht selbst zu belasten. Und so bleibt seine Rolle in diesem Stück undurch­sichtig.

Der geständige Angeklagte kriegt also eine 62-monatige Haftstrafe, die, wie Richter Graßmück betont, „bei einem Jüngeren durchaus höher“ ausgefal­len wäre und hoffentlich die letzte in seinem Leben ist. Nach ihrer Verbü­ßung wäre er 81. Dann möchte er wieder in seine Heimat gehen, nach Apulien, zur Familie, sein irdisches Dasein friedlich im Kreise seiner Lie­ben auf anständige Weise zu Ende bringen. Nicht im Gefängnis, auf keinen Fall! Aber das hängt davon ab, wie viel Restlaufzeit das Schicksal noch für ihn übrig hat. Sonst wäre es heute „lebenslänglich“ gewesen.