Aleksejus tut Buße

Von Dieter A. Graber

HANAU. Was Aleksejus bereits in sein junges Leben hineingepackt hat, würde weiß Gott für eine lange Bio­grafie reichen: Abitur, ein Job auf dem Bau, mehrere Überfälle, eine Hochzeit, eine Scheidung, zweiein­halb Jahre Gefängnis. Heute sitzt er auf der Anklagebank des Hanauer Amtsgerichts, weil er vor vier Jahren einen Juwelierladen in der Hirsch­straße ausraubte.

Kaunas ist die Stadt der Kunst, der Museen, der Architekturgeschichte. Hier kam Aleksejus vor 24 Jahren als Sohn eines Verkäuferehepaars zur Welt. Ein Junge mit Zukunft: In Li­tauen geht es gerade aufwärts. Die Wirtschaft wächst mit 3,1 Prozent stärker als die der gesamten Euro-Zone. Aleksejus entschied sich aber für einen anderen Weg: „Ich wurde angesprochen, ob ich Straftaten in Deutschland begehen wolle. Das war ein Angebot, dass ich nicht ablehnen konnte“, sagt er kryptisch. Oder bes­ser: Er lässt es seinen Anwalt sagen. Das ist der Strafrechtler Carsten Frie­del Keil aus Menden. Aleksejus selbst sagt erst mal nichts.

Er wirkt wie ein zu groß geratenes Kind. Aleks the Kid. Er hat ein blasses Gesicht mit weichen, fast mäd­chen­haften Zügen, das von einem schmal­lippigen Mund beherrscht wird, des­sen Winkel ein wenig nach unten zei­gen. Verlegen und trotzig sieht das aus, vielleicht auch ängst­lich. Der Rest von Aleksejus ist ein Konglome­rat an Muskeln, die langjährigem Trai­ning oder der Einnahme von Anabo­lika geschuldet zu sein scheinen.

Aleks the Kid stürmte am 24. November 2011 um 16.58 Uhr mit zwei Kompli­zen in das Juweliergeschäft von Herrn D.; einer bedrohte den In­haber, dessen Sohn und Tochter in der kleinen Werkstatt hinten im Laden mit Schusswaffen, während die beiden anderen vorn die Auslagen leerräumten. Sie erbeuteten Gold­schmuck im Wert von 120000 Euro, jedenfalls laut Herrn D.; die Versiche­rung zahlte später die Hälfte. Der Überfall wurde von einer Videoka­mera aufgenommen. Richter Peter Graßmück zeigt Fotos auf den großen Monitoren in Saal 215. Die Bilder sind so schlecht, dass man meinen könnte, die Überwachungsanlage habe mit den Tätern unter einer Decke ge­steckt. Die drei Männer trugen Base­ballkappen, dunkle Kleidung, aber keine Masken. Und sie ließen sogar drei Einmalhandschuhe im Geschäft zurück, achtlos auf den Boden ge­worfen. An einem fand sich die DNA von Aleksejus.

Hallo, wie dämlich ist das denn? Oder, um es in die Worte von Anwalt Keil zu kleiden: „Zeugt dies etwa von Professionalität?“ Hauptkommissar Michael Z. erklärt: „Bandentäter aus Osteuropa fühlen sich heutzutage in Deutschland sehr sicher. Die ver­mum­men sich nicht mal. Denen reicht eine Schiebermütze.“ Tatsächlich wa­ren die drei wenige Stunden später auch schon in Polen. Aleksejus kriegte tausend Euro in die Hand gedrückt. Verdammt viel für fünf Minuten „Ar­beit“, verdammt wenig für viele Jahre hinter Gittern … Denn kurz darauf schnappten sie ihn nach einem ähnli­chen Überfall in Finnland. Er bekam vier Jahre. Aber da war ihm die Ha­nauer Kripo schon auf der Spur. Er wurde vorzeitig nach Deutschland ausgeliefert.

Die Zeugin Irma A. (30) nimmt Platz auf dem Zeugenstuhl. Verstohlen blickt sie zum Angeklagten hinüber. „War er derjenige, der Sie bedrohte?“ fragt der Richter. „Zumindest sieht er ihm ähnlich“, antwortet sie unsicher. „Die haben ja nicht mal geredet, nur Zeichen gegeben. Alles ging so schnell …“ Auch ihr Bruder Armand tut sich ein bisschen schwer mit der Identifi­zierung: „Das könnte er sein …“ Es gibt ein Phantomfoto, kurz nach dem Überfall angefertigt: Ein Mann mit ovaler Gesichtsform und Schirm­mütze. Na ja, könnte auch Lukas Podolski darstellen … Da ist es gut für die Prozessökonomie, dass Anwalt Keil gleich zu Verhandlungs­beginn einen Deal mit der Strafkam­mer eingefädelt hat: Geständnis ge­gen milde Strafe. Richter Graßmück will die Sache vom Tisch haben, auf dem sich schließlich die Akten einer Reihe weite­rer großer Verfahren stapeln.

Das Ge­ständnis ist dann von der stereotypischen Art, wie man sie in Gerichtsälen bei organisiertem Verbrechen häufig hört: „Meine Kompli­zen kannte ich nicht“, sagt er bedau­ernd. Einer soll Russe, der andere Pole gewesen sein. Und sonst? Achselzucken. Erst recht wird er nichts über diejenigen wissen, die das große Rad drehen, die Hintermänner, die ihre Handlanger durch Europa schicken zum Rauben und Stehlen und wer weiß was noch alles ….

Aleks the Kid wird zu drei Jahren und elf Monaten verurteilt. Wie eingangs ausge­handelt. Wenn er die abgeses­sen hat, will ihn die Justiz in seiner Heimat ha­ben. Da ist wohl auch noch was offen.

Ach ja: Entschuldigt hat er sich, bei seinen Opfers. Dazu baute er sich zu voller Größe auf, nahm Haltung an, stammelte: „Ich bereue es sehr!“ Aleksejus, der viel zu groß geratene Junge aus Kaunas an der Via Baltica, dem baltisch-westfälische Jakobsweg, auf dem die Menschen pilgern, um Buße zu tun.