Kurz vorm Kippen

Auch Josef K. hatte sich für unschuldig erklärt, und am Ende kam es doch knüppeldick: „Mann an Tisch“, Illustration Franz Kafkas zu seinem Roman „Der Prozess“

HANAU. Von Anfang an stand für die Ermittler Lutz H. als Hauptverdächtiger im Mordfall Volke fest. Die engagierte Staatsanwältin Bettina Fauth vernahm ihn gemeinsam mit zwei Kommissaren wenige Stunden nach der Tat. Sie erinnert sich daran, und zwar sehr gut. Natürlich sei Lutz H. korrekt belehrt worden, betont sie. Aber hat er wirklich von sich aus auf einen Rechtsbeistand verzichtet?

Heilende Hände, schlimmer Finger?

Können Kinderaugen lügen? Und Tagebücher? Puerile Schaufensterpuppe aus Gips mit Gebrauchs-spuren, 20-er Jahre, farbig gefasst und bemalt. ©Raritäten-Shop, Wien

HANAU. Seit einem halben Jahr sitzt Herr G. in Untersuchungshaft. Er soll ein zwölfjähriges Mädchen, die Tochter seiner Lebensgefährtin, vergewaltigt haben. Die Anklage basiert allein auf den Aussagen des angeblichen Opfers. Herr G. beteuert seine Unschuld. Es ist ein Prozess, in dem es nur Verlierer geben kann.

Pfusch am Recht

HANAU/KARLSRUHE. Da lief der scheidende Gottvater der Rechtsprechung aber noch mal zu ganz großer Form auf. Unter Vorsitz von Thomas Fischer verriss der 2. BGH-Senat das Klockurteil vom August 2015 und gab es den Hanauer Richtern nun schriftlich: Lauter Rechtsfehler wären ihnen unterlaufen. Sonst hätte das Ergebnis ihrer Beweisaufnahme anders ausgesehen. Zum Unterschreiben ist Fischer übrigens nicht mehr gekommen. Krankheitshalber, wie es heißt.

Aufgeräumter Advokat

„Gar gut bei allem ist Ordnung“, meinte Homer. Na ja, zumindest wenn man einen Prozess gewinnen will. Hier ein Anwaltsschreiben der besonderen Art.

HANAU. Wer Ordnung halte, sei bloß zu faul zum Suchen, lautet ein Sprichwort. Suchende gibt es auch in der Welt des Rechts, und manchmal bringen sie in ihren Schriftsätzen entzückende Stilblüten zustande, die einem dann klar machen, warum sie das Prinzip der Ordnung nicht verstanden haben. Wie im Falle jenes Frankfurter Advokaten (zugelassen bei AG, LG und OLG!), der für seinen Mandanten einen Zivilprozess vor dem Hanauer Amtsgericht führte. Dabei ging so ziemlich alles daneben. Er verwendete in seinem Schriftsatz ein falsches Geschäftszeichen und versäumte die Erwiderungsfrist.

Schnelle und lahme Justiz

Quelle: F.A.Z.

In Deutschland braucht Gerechtigkeit ihre Zeit: Laut Justizbarometer der Europäischen Kommission liegt die Verfahrensdauer in der Bundesrepublik bei durchschnittlich 190 Tagen. Das ist zwar „gutes Mittelfeld“ – Italiens Justiz benötigt zum Beispiel mehr als zweieinhalbmal so lange –, der Spitzenreiter Luxemburg aber konnte seinen Wert in kürzester Zeit immerhin von 200 auf nur noch 86 Tage verbessern. Das Großherzogtum investierte allerdings auch am meisten Geld in seine Rechtsprechung.

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Politjustiz

Altes Gewerbe: „Nutte“ ist eine Berufsbezeichnung, „Neger“ hingegen beleidigend

Manchmal fragt man sich schon, was das für Leute sind, die es da ins Richteramt geschafft haben. Ein Fall aus der verrückten Welt der Paragraphen.

Tour d’Amour mit Spätfolgen

Die Angeklagten und ihre Anwälte: Lutz H. nimmt seiner Lebensgefährtin eine alte Affäre übel und zitiert Caligula. Falsch zwar, aber dennoch eindeutig. Foto: D. Graber

HANAU. In der Schule müssen die Störenfriede ganz vorne sitzen. Das war schon bei Ludwig Thoma so und ist in heutigen Gerichtssälen nicht anders. Und das erleben wir nun auch im Volkeprozess, wo Lutz H. und seine Verteidiger (bisher: Anklagebank, zweite Reihe) mit Banu D. und den ihren (vormals erster Rang) die Plätze wechselten. Denn Banu D. fühlt sich bedroht von ihrem Geliebten, den wir künftig wohl ihren „Ex“ nennen müssen. Sie möchte ihn einfach nicht mehr im Rücken haben. Schuld daran hat eine dreieinhalb Jahre zurückliegende nächtliche Tour d’Amour mit einem anderen Mann.

Abdulahi frei und weg

HANAU. Er wird es wohl kaum haben fassen können: Sie ließen ihn laufen. Einfach so! Als sich die Tore der JVA Frank­furt, wo Abdulahi monatelang in Untersu­chungshaft gesessen hatte wegen ei­nes versuchten Totschlags, für ihn öffneten und er wieder die Luft der Freiheit schnuppern konnte, begab er sich zum zweiten Mal auf die Flucht. „Nix wie weg“, mag er sich gedacht haben, und irgendwie können wir ihn ja verstehen, den Mann aus Somalia, der so gern ein Eritreer wäre.

Viel Puzzle, wenig Beweis

Tattheorien aus dem Skizzenbuch: Es könnte so abgelaufen sein – aber natürlich auch ganz anders. Abb.: ©Darwyn Cooke, „The Hunter“

HANAU. Indizienprozesse laufen meist darauf hinaus, dass die Anklagebehörde ein dichtmaschiges Netz an Scheinbeweisen zusammenträgt, das die Schuld des oder der Angeklagten evident machen soll. Viele kleine Mosaiksteinchen ergeben dann ein Bild, dem sich das Gericht nicht zu entziehen vermag. Motto: Wir basteln uns einen Tathergang. Im Volkeprozess sieht es bisher jedenfalls auch so aus.

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