Ein Fall von Paralleljustiz

HANAU. Der Fall des Ahmet G. zeigt, wie in Deutschland eine versteckte „Paralleljustiz“ funktioniert. Am 21. Januar 2013 wurde in das Bistro eingebrochen, das Ahmet G., 39, in der Frankfurter Nordweststadt betrieb. Gestohlen wurde neben einem Laptop auch Geld, vermutlich viel Geld, es ist von 30000 Euro die Rede. Dass in einem kleinen Lokal, das zudem in einer für Gastronomie wenig attraktiven Gegend liegt, eine derart große Summe aufbewahrt wird, lässt Rückschlüsse auf das Milieu zu, in dem diese Geschichte spielt. Durch Bilder der Überwachungskamera geriet Frau N. in Verdacht. Sie war in dem Bistro beschäftigt. Mit ihrem Lebensgefährten wohnt sie in Erlensee. Sie habe, so mutmaßte Ahmet G. nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, von dem hohen Geldbestand in der Kasse gewusst. Die Polizei wurde aber nicht eingeschaltet. Stattdessen suchte er, gemeinsam mit vier Komplizen, Frau N. zu Hause auf, und zwar um Mitternacht, was in Fällen wie diesem nicht eben die Zeit für sachliche Gespräche ist.

Nachdem die „Durchsuchung“ ihrer Wohnung erfolglos geblieben war, so die Anklage, soll Ahmet G. die Frau mit einem Stromkabel bedroht und in den „Schwitzkasten“ genommen haben, um sie zu veranlassen, in das Bistro nach Frankfurt mitzukommen. Dort wurden die „Vernehmungen“ fortgesetzt. Als ihr Lebensgefährte auch nach Vorführung des Überwachungsvideos seine Beteiligung an dem Einbruchsdiebstahl leugnete, sei er in Gesicht und Bauch geschlagen und getreten worden, heißt es in einer Mitteilung des Gerichts. Weiterhin wurde ihm angedroht, „ihm beide Hände abzuschneiden und ihn für etwa eine Woche im Keller einzusperren“.

Der gesondert „vernommenen“ Frau N. stellten die Männer in Aussicht, sie für eine Weile mit dem Kopf nach unten an ein Seil zu hängen. In den frühen Morgenstunden, als man schließlich von ihrer „Unschuld“ überzeugt war, wurden die beiden wieder freigelassen. Ahmet G. ist in Frankfurt geboren, türkischer Staatsangehöriger und der Justiz nicht unbekannt: Er vor kurzem hatte er eine mehrjährige Freiheitsstrafe wegen Drogenhandels absitzen müssen. Dass er wegen dieses schwerwiegenden Tatvorwurfs nicht in Haft genommen wurde, begründet die Justiz mit langwierigen Ermittlungen. Ohnehin ist das Hanauer Landgericht durch eine Vielzahl von Verfahren überlastet; eine Untersuchungshaft darf jedoch höchstens sechs Monate dauern. Vermutlich hat sich Ahmet G. in die Türkei abgesetzt. Angeblich ist dort seine Großmutter verstorben. Richter Peter Graßmück hatte noch die Polizei zu ihm geschickt, um ihn zwangsweise vorführen zu lassen – ohne Erfolg. Auch seine Verteidigerin, die Frankfurter Strafrechtlerin Anette Flach, wartete in Saal 215 vergeblich auf ihren Mandanten.