Der Tag, vor dem sich Kristina fürchtet

Von Dieter A. Graber

HANAU. Im Herbst 2017 wird Daniel die Haftanstalt als freier Mann wieder verlassen können. Wenn’s gut läuft für ihn. Dann hat er zwei Drittel sei­ner Strafe abgesessen. Vor diesem Tag fürchtet sich Kristina. Weil dann vielleicht alles wieder von vorn be­ginnt: die Nachstellungen, die Anrufe, die Drohungen, die Liebesbe­teuerun­gen, die Gewalt. Es war si­cherlich ei­ner der unge­wöhnlichsten Fälle von Stalking, mit dem sich die Jugend­kam­mer des Ha­nauer Landge­richts jetzt befassen musste. Es ist die Ge­schichte von Da­niel, 35, und Kris­tina, 18.

Im vergangenen Jahr wurden 21857 Fälle von Stalking in Deutschland poli­zeilich erfasst. Im Strafgesetzbuch heißt so etwas „Nachstellung“. Es ist Paragraph 238. Harmlos klingt das. Nach jagen, fahnden, verfolgen. Ir­gendwie ein bisschen sportlich. Nach dem Beweis einer übergroßen Liebe klingt das. Für Kristina war es die Hölle. Monatelang hat Daniel sie ge­hetzt, bedroht, telefonisch und im In­ternet. Er lauerte ihr an der Schule auf und im Supermarkt. Er passte sie abends auf dem Heimweg von einem Lokal ab, versuchte, sie zu entführen, rasierte ihr Haare ab, damit kein an­derer sie mehr ansehe. Er belagerte die Wohnung ihrer Eltern, zerstach die Reifen am Auto ihres Großvaters, belästigte ihre Mutter am Arbeits­platz und schlug ihr ins Gesicht. Es gibt da eine lange Liste der Bösartig­keiten beim Familiengericht in Geln­hausen, das ihm verboten hatte, sich ihr zu nähern. Daniel scherte sich nicht darum.

Der renommierte Psychiater Ansgar Klimke hat ein Gut­achten über diesen seltsamen jungen Mann angefertigt und attestiert ihm eine Persönlich­keits­störung. Der An­geklagte sei „in ge­wissem Umfang unberechenbar“. Ein Soziopath, der das Verlangen nach Ra­che für Zu­rückweisung ver­binde mit der Hoff­nung, die Bezie­hung noch einmal kit­ten zu können. Einmal stellte er sich in scheinbar sui­zidaler Absicht vor ihren Augen auf Bahngleise. Er wollte, dass sie Angst hat um ihn. Er wollte ihr Mitleid. Er bettelte, er schlug sie, er weinte – ein Schauspieler, bei dem nur die Gewalt echt war.

Nun, da muss einiges zusammen kommen, damit einer so wird. Mit der Mutter übersiedelte Daniel, neunjäh­rig, aus Thorn, einer polni­schen Stadt an der Weichsel, nach Deutschland. Er scheitert in der Schule, geht ohne Abschluss, absolviert keine Lehre. Obendrein mangelt es ihm am rech­ten Ehrgeiz, etwas aus seinem Le­ben zu machen. Wird früh straffällig. Zweiunddreißig Monate sitzt er ab wegen räuberischer Erpres­sung. Er macht sich als Trockenbauer selb­ständig, gibt wieder auf. Fortan fristet er sein Dasein mit Hartz IV und gele­gentlichen Schwarzarbeiten. Ein Ver­lierertyp ohne Beruf, ohne Plan, ohne Talente. Narziss und Goldmund in ei­nem …

Und dann begegnet er Kristina am Gelnhäuser Bahnhof. Wow! Blondes langes Haar, schlank, ein bisschen frech, vielleicht aufreizend, wie auch immer. Er sagt: „Sie sah aus wie eine junge Angelina Jolie – aber ich war ja nicht Brad Pitt.“ Vielleicht ist dieser Satz so etwas wie ein Schlüssel zu seiner Seele: Verlierer erobert Prin­zessin. Die gibt sich als achtzehn aus, ist in Wirklichkeit dreizehn, er mehr als doppelt so alt. Daniel verfällt ihr.

Es ist die Junges-Ding-älterer-Mann-Geschichte. „Dieses obskure Objekt der Begierde“, wie es bei Luis Buñuel heißt. Mit Kristina an seiner Seite sieht er zum ersten Mal eine Zu­kunft. Er spricht von Heirat,  kaum, dass er sie kennen gelernt hat. Er macht sich, wie er schildert, für sie zum Hans­wurst, lässt sich herumkom­mandie­ren, wegschicken, zurückho­len. Auch Kristina ist ein Aussiedler­kind; sie kam mit den Eltern aus Ka­sachstan, ein le­benslustiges Mäd­chen, dass An­schluss sucht, Freund­schaften, viel­leicht auch Abenteuer. Dass sie sich bisweilen mit der deut­schen Sprache schwer tut, dass sie Nachhilfeunter­richt nehmen muss, mag ihm ein Indiz für seine Überle­genheit gewesen sein.

Des Angeklagten letztes Wort in dem Berufungsprozess gerät zur Suada der Schuldzuweisung – an Kristina, ihre Eltern, Verwandten, Freundin. „Sie war es doch, die mit der Gewalt an­gefangen hat. Wenn ich erzähle, was ich alles für sie getan habe, sitzen wir noch heute Abend hier …“ Es ist die weinerliche Rechtfertigung des Zu­rückgewiesenen. Gutachter Klimke sieht „die Gefahr, dass er bei der nächsten Beziehung wieder so han­delt“.

Daniel wird von der Strafrechtlerin Olivia Ulbrich aus Frankfurt verteidigt. Sie macht einen guten Job, verweist auf den Altersunterschied, die unge­lenke Art ihres Mandanten im Ge­richtssaal: „Er kann sich halt schlecht verkaufen.“ Ihr gegen­über Rechtsan­walt Steffen Heß aus Gelnhausen, der die Nebenklage ver­tritt: „Was der Angeklagte hier vor­trug“, rügt er, „war ein einziges Konzert des Selbst­mitleids.“

Es bleibt bei der Entscheidung des Schöffenge­richts: dreieinhalb Jahre. Wie gesagt: Bei guter Führung vorzei­tige Haft­entlassung im übernächsten Jahr möglich. In jenem Herbst, vor dem Kris­tina schon jetzt Angst hat.

 

Stalker flüchtet aus Amtsgericht (Gelnhäuser Neue Zeitung, 10.02.2015)

Angeklagter flieht durch Toilettenfenster (Offenbach Post, 23.12.2014)

 

Tags: