Gallienstraße

Metapher des Todes

Der Killer und das junge Ding oder Ein ungleiches Paar auf dem Weg zur „Party“. Am Ende geht es nicht gut aus für einen der beiden in Luc Bessons furiosem Thriller-Drama „Léon – Der Profi“. ©Gaumont/Les Films Du Dauphin

HANAU. Die Kammer gibt einen rechtlichen Hinweis: Für den Angeklagten im Volkemordprozess könnte auch Mittäterschaft infrage kommen und die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden Das ist noch nicht die Entscheidung. Aber es gibt die Richtung vor: Mit einem Freispruch Marke In dubio pro reo dürfte Lutz H. nicht davon kommen.

Schwarzes Loch um Mitternacht

Zeugen auf dem Dach: Die Sendemasten am Kurt-Blaum-Platz in unmittelbarer Nähe zur Gallienstraße erfassten das Mobiltelefon der Angeklagten. ©Graber

HANAU. Handydaten verraten so ziemlich alles über einen Menschen – Kommunikation, Aufenthaltsorte, Internetbesuche. Dazu muss das mobile Endgerät aber eingeschaltet sein. War es aber nicht. Und deshalb lässt sich nicht feststellen, wo sich Banu D. zur Tatzeit aufhielt. Dass sie Wochen zuvor in Hanau unterwegs war, womöglich auch in der Gallienstraße vorbeischaute, allerdings schon. Aber was beweist das? 

Ein Prozess mit Gschmäckle

Auf der Alm, da gibt's koa Sünd'. Na, a bisserl getratscht ham wern’s scho, über den Herrn Doktor und die hübsche Frau an seiner Seite. Abb.: Metro Verlag/Österreichische Nationalbibliothek, aus dem Band „Willkommen in Österreich“

HANAU. Wieder mal eine längere Pause im Volkeprozess. Am 19. September geht’s weiter vor der 1. Großen Strafkammer. Zuletzt sagte Kriminalhaupt­kommissar Carsten D. vom Bundeskriminalamt aus. Er berichtete als Zeuge über den Einsatz des Verdeckten Ermittlers. Es sieht nicht gut aus für Lutz H., der immerhin über die Mordwaffe verfügte, aber nicht selbst geschossen haben will. Aber wer dann?

Heißes Eisen unterm Holz

„Der Wald legt das Lauschen nahe“ (Hermann Hesse), bisweilen aber auch das Suchen: An einem Holzstapel deponierte Lutz H. für Errol die Tatwaffe. Foto: Graber

HANAU. Staatsanwalt Pleuser punktet: VE Errol berichtet über seinen Waffendeal, über konspirative Treffen und einen perfiden Plan. Fazit: Zwei Männer spielen Unterwelt, und ganz nebenbei liefert sich Lutz H. selbst ans Messer. Banu D. dürfte nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen aus dem Schneider sein. Aber der Prozess ist mit dem 28. Verhandlungstag ja noch lange nicht am Ende. 

Der Fahnder lässt die Puppen tanzen

Sie sind jung und brauchen das Geld: Die Damen im „Salon de la rue des Moulins“ warten auf die Gelegenheit für einen Private Dance (Henri de Toulouse Lautrec, 1894)

HANAU. Errol ohne Ende. Der Verdeckte Ermittler des Bundeskriminalamtes erzählt weiterhin Details aus seinem fröhlichen Beisammensein mit Lutz H. und Banu D., auch von seinem Trip nach Slowenien und dem feuchtfröhlichen Besuch im Nachtclub Belvedere. Es dient zwar nicht der Wahrheitsfindung, aber wenigstens ist ein bisschen Pikanterie dabei. 

Deftiges aus der Indizienküche

Erstes Haus am Platz: Im „Kohlmayr’s“ zu Gmünd zeichnete Errol heimlich Gespräche mit den Zielpersonen auf. Von hier aus ging’s zur Herrenpartie nach Slowenien ©hotel-ami.de

HANAU. Im Prozess um den Mord an Jürgen Volke wird es immer skurriler. Mit vielen belastenden Bemerkungen hatte der unter Erfolgsdruck stehende Verdeckte Ermittler Errol in seinen Berichten an die Vorgesetzten versucht, aus offenbar konstruierten Verdachtsmomenten gegen Banu D. und Lutz H. ein Indiziennetz zu knüpfen. Nun erzählte VE3 im Zeugenstand, wie er mit dem Verdächtigen eine Sause nach Slowenien machte.

Das Gericht zieht sich zur Erholung zurück

HANAU. Pause im Volkeprozess. Noch bis Monatsende. Das Gericht macht Urlaub. Die Regeln für Unter­brechun­gen in Mammutver­fahren sind eine Wissen­schaft für sich. Da müssen sich selbst Kammer­vorsit­zende bisweilen in den Paragra­phen 229 StPO vertiefen. Aber darf sich die Justiz in die schönsten Wo­chen des Jahres verabschieden, wäh­rend zwei Angeklagte in U-Haft sit­zen? Ja, darf sie. Immerhin besteht nach wie vor dringender Tatverdacht. Zeit also für eine Zwischenbilanz nach zwei­und­zwanzig Pro­zesstagen.

Tour d’Amour mit Spätfolgen

Die Angeklagten und ihre Anwälte: Lutz H. nimmt seiner Lebensgefährtin eine alte Affäre übel und zitiert Caligula. Falsch zwar, aber dennoch eindeutig. Foto: D. Graber

HANAU. In der Schule müssen die Störenfriede ganz vorne sitzen. Das war schon bei Ludwig Thoma so und ist in heutigen Gerichtssälen nicht anders. Und das erleben wir nun auch im Volkeprozess, wo Lutz H. und seine Verteidiger (bisher: Anklagebank, zweite Reihe) mit Banu D. und den ihren (vormals erster Rang) die Plätze wechselten. Denn Banu D. fühlt sich bedroht von ihrem Geliebten, den wir künftig wohl ihren „Ex“ nennen müssen. Sie möchte ihn einfach nicht mehr im Rücken haben. Schuld daran hat eine dreieinhalb Jahre zurückliegende nächtliche Tour d’Amour mit einem anderen Mann.

Viel Puzzle, wenig Beweis

Tattheorien aus dem Skizzenbuch: Es könnte so abgelaufen sein – aber natürlich auch ganz anders. Abb.: ©Darwyn Cooke, „The Hunter“

HANAU. Indizienprozesse laufen meist darauf hinaus, dass die Anklagebehörde ein dichtmaschiges Netz an Scheinbeweisen zusammenträgt, das die Schuld des oder der Angeklagten evident machen soll. Viele kleine Mosaiksteinchen ergeben dann ein Bild, dem sich das Gericht nicht zu entziehen vermag. Motto: Wir basteln uns einen Tathergang. Im Volkeprozess sieht es bisher jedenfalls auch so aus.

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