Mord

Romantik mit scharfen Schüssen

Da lässt sich nicht genug warnen: Erotische Praktiken, bei denen Schusswaffen benutzt werden, können unangenehme Folgen haben. Abb.: Pulp-Magazin, USA, vermutlich 50er Jahre

HANAU. Wie im wirklichen Leben geht es auch im Volkeprozess hin und wieder um zwischenmenschliche Interaktion. Inzwischen drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass so manches, was Eingang in die Ermittlungsakten fand, eher Produkte der Phantasie sind. Und wenn Sex und Schusswaffen zusammen kommen, da gibt's kein Halten mehr.

Holiday am Wörthersee

„Wo das Leben Freude macht / Steht  ein Schloss im Sonnenschein / Wellen aus Türkis /  Das ist das Paradies“, sang Roy Black. Recht hatte er. Relais & Châteaux Hotel Seefels in Pörtschach ©RELAX Guide & Magazin

HANAU. Um Lutz H. des Mordes an seinem Schwager zu überführen, scheute die Polizei weder Kosten noch Mühen. So spendierte der Verdeckte Ermittler Errol dessen Lebensgefährtin Banu D. einen Urlaub im ersten Haus am Wörtersee – auf Steuerzahlers Kosten, versteht sich. Ein Wellnessaufenthalt all inclusive, und zwar mit Begleitung. Na, wer reiste da wohl mit? Richtig geraten: die Verdeckte Ermittlerin Ayse. Man gönnt sich ja sonst nichts!

Two to the chest

Hassausbruch beim Anblick des Opfers (rechts): Moderator Rudi Cerne präsentierte den Mordfall Jürgen Volke in „Aktenzeichen XY... ungelöst". ©ZDF

HANAU. An markigen Sprüchen war Lutz H., angeklagt wegen Mordes an seinem Schwager Jürgen Volke, nie verlegen. „Zwei in die Brust, eine in den Kopf“ lautet einer. Ist aber keineswegs eine Rechenaufgabe für Berufskiller, sondern eine (tödliche) Verteidigungstaktik amerikanischer Polizisten für den Notfall, bekannt unter der Bezeichnung „Mozambique Drill“. Im Gespräch mit den Verdeckten Ermittlern hatte Lutz H. seinerzeit seine Version des Tathergangs zum Besten gegeben. 

Geschichten vom „umgelegten“ Schwager

Näschen für Polizeispitzel: Banu D., hier mit ihren Verteidigern Fuchs und Küster, hegte zumindest kurzfristig mal einen Verdacht gegen Ayse. Foto: Graber

HANAU. Das hat die Kammer nun davon: Im Volkeprozess muss sie sich mit Banalitäten herumschlagen, die sich, fett gedruckt oder kursiv, in den Protokollen der Spitzel VE1 und VE3 finden. Mühsam schleppt sich das Verfahren dahin, ohne dass es bisher auch nur die Spur eines Beweises für die Schuld der Angeklagten gegeben hätte. 

Hinterm Vorhang wird gewienert

„Die Wirklichkeit ist eine Sense für Ideale“: Helmut Qualtinger (1928-1986), österreichischer Kabarettist und Schauspieler

HANAU. So langsam nimmt dieser Prozess leicht possenhafte Züge an. Ayse (VE1) berichtet aus dem Familienleben der Zielpersonen – über Zärtlichkeiten, verräucherte Stuben, kleine Schwindeleien und den „Wildererball“, auf dem nichts, aber auch gar nichts passierte. (Nicht mal tanzen wollte der Kerl.) Wenigstens ihr Dialekt ist hörenswert.

Im Bett mit Ayse

Verdeckter Ermittler im Einsatz. Hier mit Dame und 53er Dom Pérignon, der, Genießer wissen das, nie eine Temperatur von über acht Grad haben sollte. Die Dame nach Möglichkeit aber schon. ©United Artists

HANAU.  Das Leben eines Verdeckten Ermittlers ist alles andere als langweilig.  Wir kennen das ja aus dem Kino. James Bond & Co.: Reisen auf Staatskosten, luxuriöse Hotels, teure Restaurants, Champagner, schöne Frauen. Und denen kommt der Undercover Agent schon mal näher, als es die Dienstordnung eigentlich vorsieht. So ist es auch dem VE Errol auf der Jagd nach der Mordwaffe im Fall Volke passiert. Wenn’s halt dem Fahndungserfolg dient …

Viel Geld für eine alte Knarre

Schießeisen von anno Tobak: Die Pistole wurde von dem amerikanischen Büchsenmacher John Moses Browning zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts für die belgische Fabrique Nationale d’Armes de Guerre (FN) entwickelt. Sie kann mit bis zu neun Patronen geladen werden.

HANAU.  Der Aussage des verdeckten BKA-Ermittlers wird im Volkeprozess die größte Bedeutung zukommen, gibt es doch bisher zwar Mutmaßungen, aber keinen Beweis für die Schuld der Angeklagten. Insbesondere im Fall der Banu D. hat sich bisher nichts ergeben, was auf eine Tatbeteiligung hindeuten könnte. Der Einsatz von „Errol“ (Tarnname) wirft aber auch eine Menge Fragen auf. Zum Beispiel, warum für die Tatwaffe die enorme Summe von 30.000 Euro geboten worden war. Und warum Lutz H., sollte er der Täter gewesen sein, sie nicht rechtzeitig beseitigt hatte.

Was gab’s noch am 13. Verhandlungstag? Die Beziehung der Angeklagten ist endgültig Geschichte. Das geht aus einem Brief von Banu D. hervor, den das Gericht verlas. Ein bemerkenswertes Schreiben übrigens.

Pfusch am Recht

HANAU/KARLSRUHE. Da lief der scheidende Gottvater der Rechtsprechung aber noch mal zu ganz großer Form auf. Unter Vorsitz von Thomas Fischer verriss der 2. BGH-Senat das Klockurteil vom August 2015 und gab es den Hanauer Richtern nun schriftlich: Lauter Rechtsfehler wären ihnen unterlaufen. Sonst hätte das Ergebnis ihrer Beweisaufnahme anders ausgesehen. Zum Unterschreiben ist Fischer übrigens nicht mehr gekommen. Krankheitshalber, wie es heißt.

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