Hanau

Metapher des Todes

Der Killer und das junge Ding oder Ein ungleiches Paar auf dem Weg zur „Party“. Am Ende geht es nicht gut aus für einen der beiden in Luc Bessons furiosem Thriller-Drama „Léon – Der Profi“. ©Gaumont/Les Films Du Dauphin

HANAU. Die Kammer gibt einen rechtlichen Hinweis: Für den Angeklagten im Volkemordprozess könnte auch Mittäterschaft infrage kommen und die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden Das ist noch nicht die Entscheidung. Aber es gibt die Richtung vor: Mit einem Freispruch Marke In dubio pro reo dürfte Lutz H. nicht davon kommen.

Schwarzes Loch um Mitternacht

Zeugen auf dem Dach: Die Sendemasten am Kurt-Blaum-Platz in unmittelbarer Nähe zur Gallienstraße erfassten das Mobiltelefon der Angeklagten. ©Graber

HANAU. Handydaten verraten so ziemlich alles über einen Menschen – Kommunikation, Aufenthaltsorte, Internetbesuche. Dazu muss das mobile Endgerät aber eingeschaltet sein. War es aber nicht. Und deshalb lässt sich nicht feststellen, wo sich Banu D. zur Tatzeit aufhielt. Dass sie Wochen zuvor in Hanau unterwegs war, womöglich auch in der Gallienstraße vorbeischaute, allerdings schon. Aber was beweist das? 

Unterwegs im Auftrag des Herrn

Der Mensch träumt und Gott lenkt: Sylvia D. kommunizierte angeblich mit ganz oben. ©ZDF, „37 Grad“, Screenshot

HANAU.  (dig) Vor 29 Jahren starb Jan in Hanau-Kesselstadt. Jan wurde nur vier Jahre alt. „Tod durch Ersticken“ hatte der Notarzt auf den Toten­schein ge­schrieben, „infolge Erbre­chen von zu­vor mittags gegessenem Haferschleim“. Der Fall erhielt ein Ak­tenzeichen: 1 UJs 26990/88. Mehr geschah zunächst nicht. Anfang 2015 begann die Hanauer Staatsanwalt­schaft,  in der Sache noch einmal zu ermitteln – mit nunmehr ei­nem sensa­tionellen Ergebnis: „Wir ha­ben gegen eine 70 Jahre alte Frau An­klage wegen Mor­des beim Schwurge­richt erhoben“, sagt Oberstaatsanwalt Dominik Mies.

Ein Prozess mit Gschmäckle

Auf der Alm, da gibt's koa Sünd'. Na, a bisserl getratscht ham wern’s scho, über den Herrn Doktor und die hübsche Frau an seiner Seite. Abb.: Metro Verlag/Österreichische Nationalbibliothek, aus dem Band „Willkommen in Österreich“

HANAU. Wieder mal eine längere Pause im Volkeprozess. Am 19. September geht’s weiter vor der 1. Großen Strafkammer. Zuletzt sagte Kriminalhaupt­kommissar Carsten D. vom Bundeskriminalamt aus. Er berichtete als Zeuge über den Einsatz des Verdeckten Ermittlers. Es sieht nicht gut aus für Lutz H., der immerhin über die Mordwaffe verfügte, aber nicht selbst geschossen haben will. Aber wer dann?

Heißes Eisen unterm Holz

„Der Wald legt das Lauschen nahe“ (Hermann Hesse), bisweilen aber auch das Suchen: An einem Holzstapel deponierte Lutz H. für Errol die Tatwaffe. Foto: Graber

HANAU. Staatsanwalt Pleuser punktet: VE Errol berichtet über seinen Waffendeal, über konspirative Treffen und einen perfiden Plan. Fazit: Zwei Männer spielen Unterwelt, und ganz nebenbei liefert sich Lutz H. selbst ans Messer. Banu D. dürfte nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen aus dem Schneider sein. Aber der Prozess ist mit dem 28. Verhandlungstag ja noch lange nicht am Ende. 

Tour d’Amour mit Spätfolgen

Die Angeklagten und ihre Anwälte: Lutz H. nimmt seiner Lebensgefährtin eine alte Affäre übel und zitiert Caligula. Falsch zwar, aber dennoch eindeutig. Foto: D. Graber

HANAU. In der Schule müssen die Störenfriede ganz vorne sitzen. Das war schon bei Ludwig Thoma so und ist in heutigen Gerichtssälen nicht anders. Und das erleben wir nun auch im Volkeprozess, wo Lutz H. und seine Verteidiger (bisher: Anklagebank, zweite Reihe) mit Banu D. und den ihren (vormals erster Rang) die Plätze wechselten. Denn Banu D. fühlt sich bedroht von ihrem Geliebten, den wir künftig wohl ihren „Ex“ nennen müssen. Sie möchte ihn einfach nicht mehr im Rücken haben. Schuld daran hat eine dreieinhalb Jahre zurückliegende nächtliche Tour d’Amour mit einem anderen Mann.

Viel Puzzle, wenig Beweis

Tattheorien aus dem Skizzenbuch: Es könnte so abgelaufen sein – aber natürlich auch ganz anders. Abb.: ©Darwyn Cooke, „The Hunter“

HANAU. Indizienprozesse laufen meist darauf hinaus, dass die Anklagebehörde ein dichtmaschiges Netz an Scheinbeweisen zusammenträgt, das die Schuld des oder der Angeklagten evident machen soll. Viele kleine Mosaiksteinchen ergeben dann ein Bild, dem sich das Gericht nicht zu entziehen vermag. Motto: Wir basteln uns einen Tathergang. Im Volkeprozess sieht es bisher jedenfalls auch so aus.

Alibi vom Führer

HANAU. Wie selbstbewusst darf ein Beschuldigter im Polizeiverhör sein, um sich nicht von vornherein verdächtig zu machen? Im Fall des Lutz H. genügte lockeres Auftreten und eine kommode Sitzhaltung, bei den Vernehmungsexperten sogleich Zweifel an seiner möglichen Unschuld zu wecken. 

In der Falle

HANAU. Überraschende Wende im Mordfall Volke: Die Lebensgefährtin des Angeklagten wurde im Gerichtssaal wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Mordes verhaftet. Banu D. hatte in den zurückliegenden Prozesstagen als Zeugin ausgesagt und sollte auch heute wieder gehört werden. Die bisherige Beweisaufnahme verstärkt vor dem Hintergrund neuer, aber auch bereits ermittelter Indizien die Vermutung, dass die Tat von Lutz B. und Banu D. gemeinsam geplant und von ihr am 7. September 2013 ausgeführt wurde.

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